Was häßlich war in Wien, das mußte schön werden

Sepp Kratochwill über städtische Freiräume

 

TECHNISCHES BÜRO FÜR LANDSCHAFTSPLANUNG


ÖGLA/ IFLA International
Federation of Landscapearchitects

Artikel aus: "Die Presse"
Samstag, 10. Februar 2001
von Ilse Huber



 

Rollerblader skaten auf Bahnen, die es vor 30 Jahren nicht gab, Mountainbiker trainieren auf Strecken, die bis vor kurzem noch Acker waren, selbst Marathonläufer kommen ohne die Donauinsel nicht mehr aus.
Sepp Kratochwill hat sich auf Wiener Spurensuche be- geben und penibel freiräumlich relevante Horizonte zwischen 1945 und 1999 zutage gebracht. Der Wiener Stadtpark als Zwischendurch-Friedhof. Anno 1945: es gab zuviel Tote, zuwenig Bestattungsmöglichkeiten. Als Ausweg bot sich: im öffentlichen Park "vorübergehend" Gräber auszuheben. Kriegszeiten sind Notzeiten, ra- sche, improvisierte Lösungen sind gefragt. Nicht nur beim Ab-, erst recht beim Überleben. Bürgerineister Theodor Körner forderte die Wiener auf, "auf dem klein- sten Fleckchen Erde eine Ernte zu erzielen, die wertvol- les Gemüse liefert". Der Aufbruch in den Frieden war vor allem mit Umbruch verbunden. Im Zuge des Wiederauf- baus ersetzten Wohngebäude brache Flächen, und mit zunehmender Normalisierung wandelten sich Erdäpfel- äcker in Parkanlagen. Wege wurden geebnet, Bomben- trichter beseitigt, nur die Flaktürme sind bis heute nicht wegzubringen. Ergo macht man aus der Not eine Tu- gend und baut Cafes oder Ateliers.

Der Freiraum und die allgemeine Betrachtung auf ihn änden sich jedoch, stets in Wechselwirkung zu den äußeren Umständen. Wie der Mobilität und ihrem Ver- hältnis zum menschlichen. Wirken. Waren 1965 206.768 Fahrzeuge in Wien gemeldet, waren es 1993 579.000. Dazu Kratochwill: "Die Straße hatte einen hohen Stellen- wert als sozialer Faktor. Niemals wird es eine Stadtver- waltung zuwege bringen, den Flächenverlust der Straße als Spielort zu ersetzen."
Wenn heute technisch von den Nutzern des Freiraumes gesprochen wird, so nennt der Autor sie beim Namen, gibt ihnen Gesichter. Vergessenes oder vage überliefer- tes wird faßbar, die Spielregeln der Glöckerlpartie wer- den lebendig. Menschen stehen hinter den Maßnahmen. Ob Verantwortungsträger wie Bürgermeister, Stadtplaner oder Stadtgartendirektoren auf der einen Seite oder Kleingärtner, Badenixen oder Kinder auf der anderen, ist egal. Sie sind es, die darüber entscheiden, was und wie es passiert. Und jeder Zeitraum hat etwas Eigenes. Aus den Wirren der Nachkriegszeit verstärken sich auch Re- glementierungen und Verordnungen. Kinderspiel ja, aber in den vorgesehenen Räumen "mit genormten Ge- räten für genormte Kindertätigkeiten".

Häßliches mußte schön werden. Die WIG'64 (Wiener In- temationale Gartenschau) ist schlechtweg auf Mist ge- baut. Der Donaupark entstand aus der Sanierung des Brettldorfes. Und schon befand sich Wien inmitten eines Grün-Denkprozesses, beginnend unter der Schirmherr- schaft des Stadtplaners Roland Rainer. Danach verän- derten große Projekte die Stadt: das Hochwasserschutz- projekt Donauinsel und erneut eine WIG (Oberlaa). Das Ökologiebewußtsein der Achtziger Jahre kündigte sich in Vorreiterprojekten wie etwa dem Wienerberg an, wo auf- grund sensibler Eingriffe ein Landschaftsraum gesichert wurde, ohne dessen Charakteristik, zu beeinträchtigen.

Im letzten Zeit- und Buchabschnitt zählt nicht mehr der Ort allein, sondem seine Eingebundenheit in die nähere Umgebung sowie seine zeitliche Entwickldungsmöglich- keit. Stichwort Flächensicherung. Der Grüngürtel Wiens, der Tabuzonen für jede Bebauung ausweist, wurde 1995 vom Gemeinderat beschlossen. Aufwendige Planungen (Wiental, Gürteluntertunnelung) bleiben hingegen gedul- dig auf dem Papier.

Das Interessante an den Vorgängen im und Umgängen mit dem städtischen Grünraum ist der soziale Zusam- menhang. Die Wechselwirkung zwischen Politik und Ge- sellschaft schlägt sich deutlich im Freien, in den Zwi- schenräumen einer Stadt, nieder. Kratochwill hat die Zei- chen der Zeit aufgegriffen und sie mit dem Wandel der, Grün und Freiräume Wiens gespiegelt. Das Ergebnis ist eine Schilderung von subjektiven und "medienobjekti- ven" Betrachtungsweisen, die so manchen leidenschaft- lichen Diskussionsprozeß Revue passieren läßt, trotz- dem viel kompakte Information enthält und Belebendes für die Wiener und ihre Stadtlandschaften bietet.

zuletzt geändert:

 

Sepp Kratochwill
Wiener Stadtlandschaften
144 S., geb. 36,19 Euro
(Österreichischer Kunst- und Kul- turverlag, Wien), 2001